Interview mit Werner Rohr, Hersteller von Modelleisenbahnen in Kleinserie Spur 0

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Werner, wir starten mit der ersten klassischen Frage: Wann bist du das erste Mal mit der Eisenbahn in Berührung gekommen?

Dies war schon früh. Ich hatte eine Gotte, die während dem 2. Weltkrieg Serviertochter im Aargauer Jura war. Ähnlich wie Gilberte de Courgenay im 1. Weltkrieg in der Ajoie wusste sie bereits damals, was zu tun ist, um etwas mehr Trinkgeld als normal zu bekommen: Den Rock in einer gewissen Höhe tragen. Und diese Gotte verwöhnte mich sehr mit Spielsachen.

Ich hatte überhaupt Glück in meinem Leben. Ich kam als uneheliches Kind auf die Welt, meine Mutter wollte nichts von mir wissen und gab mich in St. Gallen in ein Waisenhaus. Nach acht Monaten hatte ich Glück: Ich kam in eine Pflegefamilie im Kanton Aargau – wo ich es sehr schön hatte.

Meine Gotte kaufte mir bereits als ich im Kindergarten war, eine Märklin-Eisenbahn zum Aufziehen – natürlich in Spur 0 (Massstab 1:45). Dieses Spielzeug faszinierte mich einfach und war meine erste Begegnung mit Eisenbahnen.

Und auch später ging es weiter mit Eisenbahnen. Du hättest fast eine Lehre bei den SBB gemacht…

…ja, ich wollte eigentlich einen technischen Beruf lernen. Doch damals musste man bei den grossen Firmen der Metallbranche Prüfungen machen und sie bevorzugten Lehrlinge, die bereits als Volunteer (Ehrenamtlicher Arbeiter) bei ihnen arbeiteten. Da ich aber Volunteer bei einem Gärtner war, hatte ich etwas schlechte Chancen auf eine Lehrstelle in der Metallbranche. Also meldete ich mich in Olten bei der SBB als Maschinenschlosser an. Doch am Samstag bevor ich an die Prüfung gemusst hätte, verlor ich einen Finger und konnte nicht schreiben. So hätte ich wieder ein Jahr warten müssen und die Lehrstelle dann vielleicht doch nicht bekommen – mein Vater war kein Staatsangestellter. Deshalb lernte ich dann Tapezierer/ Dekorateur. Doch ging ich schon Ende Schulzeit/ Anfangs Lehre in den Modelleisenbahnclub Aarau, wo ich mich schon immer mit der Spur 0 befasste.

Hast du damals auch schon eigene Modelle gebaut?

Natürlich, der Modelleisenbahnklub Wil war damals sehr aktiv und vertrieb Wagenbausätze. Also bestellte unser Präsident beim Wiler Club sechs Bausätze. Doch als Lehrling war ich im Gegensatz zu den ausgelernten Männern der Einzige, der die Wagen auch fertigstellte.

Wann hast du damit begonnen, auch selber Bausätze herzustellen?

Das war erst später, als Rivarossi, Lima und Pola damit begannen, Modelleisenbahnen in Grossserie Spur 0 herzustellen. Diese Modelle hatten alle Plastikräder. Ich merkte, dass dies eine grosse Schienenverschmutzung hervorruft. Also bandagierte ich die Plastikräder im Selbstbau mit Metallbandagen. Doch dann wollten alle meine Kollegen dies ebenfalls und so liess ich bei einem Kollegen grössere Serien dieser Metallbandagen auf einer Drehbank herstellen und verkaufte sie über Inserate im «Eisenbahn Amateur». So kam ich mit einer Dienstleistung nach und nach in das Geschäft des Eisenbahnmodellbaus.

Vor 26 Jahren hast du mit Baukursen im Tessin gestartet. Wie kam dies?

Wir als Unterlieferant von Inneneinrichtungen spürten die Ölkrise von 1973 extrem stark…

… du warst damals noch im Möbelhandel tätig?

Ja, doch dann fand ich, ich hätte nun ja schon ein bisschen Kundschaft im Eisenbahnmodellbau. Meine Frau war Krankenschwester und hatte eine Stelle als Gemeindeschwester in Hindelbank gefunden. So konnte ich mich mit einem finanziellen Pölsterchen selbständig machen. Ausserdem bekam ich dann noch eine Stelle als Schulhausabwart in Hindelbank. Der eine Bewerber war im Dorf bekannt, den wollten sie nicht. Mich kannten sie nicht und ich bekam die Stelle. Ob sie zufrieden waren mit mir, weiss ich nicht. Ich blieb zwar 25 Jahre, doch ich machte was ich wollte und der Gemeinderat musste halt ein bisschen nach meiner Geige tanzen (lacht).

Dann fing es zuerst mit Ferienbaukursen in den Herbstferien mit Kindern im Schulhaus an. Wir bauten im ersten Jahr einen Te 2/2 und im zweiten Jahr einen Sputnik. Doch dann ging das Interesse sehr zurück. Dafür konnte ich 1978 in Hindelbank mit 8 Erwachsenen die Ee 4/4 der EBT bauen. Daraus entstand der Eisenbahn Modellbauclub Hindelbank (EMCH).

Und wie kam es nun mit den Baukursen im Tessin?

1986 lernte ich einen Motel-Besitzer im Tessin kennen, der ein Krokodil in Spur 0 kaufen wollte. Es gab in Mendrisio auch einen Modellbahnhändler, doch der wollte dem Motel-Besitzer keinen Rabatt geben. Ich gab Rabatt und so kaufte er das Krokodil bei mir. Als ich es ihm ins Tessin lieferte, vernahm der Motel-Besitzer dann, dass ich Baukurse in Hindelbank anbiete. Er fragte mich, wieso ich nicht ins Tessin komme, er habe Platz. Kost und Logis sei gratis. Also machte ich ein Inserat im «Eisenbahn Amateur» und bot an, die braune Ae 4/4 der BLS in einem Baukurs im Tessin herzustellen. 8 Personen meldeten sich, es ging recht gut und schon wollten alle eine Wiederholung. In den ersten 5 Jahren wurde eine Lok in einer Woche fertig gemacht, doch dann wurden die Lokomotiven immer feiner und wir mussten mehr arbeiten. Manchmal sind wir nach Hause gekommen und waren so müde, wie wenn man einen Waschlappen ausgedrückt und in die Ecke geschmissen hätte. Deshalb beschlossen wir dann, jeweils nur so lange zu arbeiten, wie uns die Zeit reicht und im nächsten Baukurs weiter zu fahren. Beim Trans-Europ-Express hätte die Zeit sowieso nicht mehr gereicht: Es gibt Leute, die begannen 1993 mit dem Trans-Europ-Express und sind heute noch nicht fertig. Bis er fertig ist, werden sie für den Zug 50’000 bis 60’000 Franken ausgegeben haben.

Das ist beachtlich! Auf welches Modell bist du denn am Stolzesten?

Die Ae 6/6 ist das Modell der Baukurse, welches mir am besten gefällt. Ich konnte über 250 Stück davon im Bausatz verkaufen! Übrigens auch über 50 Trans-Europ-Express, hingegen nur 20 ICN. Da sieht man, wo das Interesse ist!

Oder sind es heute einfach weniger Leute, welche sich mit der Modelleisenbahn beschäftigen?

Im Grossen und Ganzen sind die Baukurse ausgebucht. Jetzt Ende Oktober/Anfangs November habe ich den 100. Baukurs im Tessin, der war sowieso sofort ausgebucht. Ich stelle fest, dass sehr viele, ältere Männer noch etwas mit ihren Fingern machen wollen. Und Eisenbahnen sind einfach DAS Hobby! Ich sehe es an der Spielbahn, die ich hier beim EMCH aufgebaut habe: Die Kinder wollen ja nicht mehr von der Spielbahn weg!

Schaffen es eigentlich jeweils alle Kursteilnehmer das Modell fertig zu stellen oder mussten bereits Kandidaten aufgeben?

Ja, vor allem beim Trans-Europ-Express kommt dies vor. Einigen fehlt einfach die Motivation oder die Energie alle sechs Wagen richtig fertig zu machen! Doch normale Loks oder Wagen wurden mehr oder weniger alle fertig gemacht.

Wie viel Zeit investierst du, um einen neuen Bausatz herzustellen?

Beispielsweise bei der «Chrotteschnure» (BLS Ce 2/4) wäre es etwa ein Vierteljahr, würde man alle Zeit aneinanderhängen. Man braucht Pläne, Fotos und man muss für die Serienproduktion alles aufschreiben.

Wie definierst du den Preis eines Modells?

Es ist nicht massgebend, wie stark der Aufwand war. Nein, man muss das Modell anschauen: Bei einer Rangierlok habe ich zwar fast so viel Aufwand wie für eine andere Lok, doch kann ich nur den Preis einer Rangierlok verlangen. Die «Chrotteschnure» hingegen ist wirklich etwas Spezielles und so versuchte ich, sie kaufmännisch zu berechnen. Doch auch mit einem kleinen Stundenlohn kommt man da auf fast 2’000 Franken!

Du schaust also, dass es sich auch finanziell lohnt. Doch reich wird man nicht, oder?

Nein, nein! Es ist ja nicht der Zweck, wenn man das Hobby zum Beruf macht, dass man da viel verdient! Es geht mir mehr darum, dass man den Leuten eine Freude macht. Es ist der Sinn des Lebens, dass man Freude bereiten kann. Denn so bekommt man auch sehr viel Freude zurück!

Was ist das Schwierigste an der Realisation eines neuen Bausatzes?

Jede Lokomotive hat so ihre Schwierigkeiten. Zum Beispiel bei den neueren Lokomotiven sind es vorne die schrägen Fronten. Diese sind sehr schwierig bis unmäglich in Kleinserie mit Löten hinzukriegen!

Wir müssen schon bald abschliessen. Doch was ist deine Motivation immer wieder einen neuen Bausatz herzustellen, einen neuen Baukurs anzubieten, Baukurs 101, 102, …

(lacht) Ja, das ist ein Problem! Es ist einerseits ein bisschen eine Sucht, andererseits wollen die Leute, wenn sie einen Bausatz im Tessin fertig haben, immer wieder kommen! Sie möchten gerne ihre verbleibende Zeit mit etwas Sinnvollem verbringen. Das ganze familiäre Umfeld der Gruppe im Tessin – das ist Leben! Ausserdem ist es die eigene Gesundheit. Ich will die manuellen Fähigkeiten nicht verlieren: Die Feinmotorik, die Augen und die Nerven wollen gepflegt werden im Alter!

Wenn du eine Sache in deiner Vergangenheit anders machen könntest: Was würdest du ändern?

Während meinem Leben hatte ich nur Glück. Eigentlich alles was ich anfing, funktionierte. Natürlich würde ich es anstreben, einen technischen Beruf zu erlernen. Aber: Hätte ich dann die Geduld, mit diesen ungelernten Leuten, Bausätze zu machen, wenn sie die Sachen nicht so in die Hand nehmen würden, wie ich es ursprünglich gelernt hätte? Ich konnte ja dies alles auch nicht und musste alles selber erlernen! Deshalb sind vielleicht meine Geduld und mein Verständnis für diese Leute, die keinen technischen Beruf erlernten, grösser.

Doch sonst: Das Leben hat sich jetzt so ergeben. Ich bin dankbar, dass ich gesund bleibe und wir haben es hier schön. Mehr will ich nicht!

Werner, ich bedanke mich fürs Interview: Vielen Dank dass du dir Zeit genommen hast!

Fragen, Rückmeldungen, Kritiken, Verbesserungsvorschläge an: mail@eisenbahnfans.ch.

»Zur Person

Werner Rohr ist am 2. November 1935 in St. Gallen als «uneheliches» Kind auf die Welt gekommen. Aufgewachsen dann bei einer netten Pflegefamilie im Aargau, lernte er nicht ganz freiwillig Tapezierer/ Dekorateur. Doch seine Liebe zur Eisenbahn im Massstab 1:45 begleitete ihn das ganze Leben lang. Wegen der Ölkrise hängte er seinen Job als Möbelverkäufer an den Nagel und machte sich 1975 im Eisenbahnmodellbau selbstständig. Seit 26 Jahren führt er für Jugendliche und Erwachsene jährlich mehrere Baukurse im Tessin und in Hindelbank durch. Daneben war er bis zu seiner Pension Hauswart an der Schule Hindelbank. Seine Frau Marlis unterstützte ihn dabei auch finanziell, sie arbeitete als Krankenschwester. Mit ihr ist er glücklich verheiratet und hat zwei Söhne. Ausserdem fährt er auch heute noch gerne Velo. Mit 76 Jahren fuhr er 2011 bis nach Petersburg, weitere Touren sind für 2013 geplant.

»Motto
Freude herrscht!

»Bausatz Ee 922 von Werner Rohr

Baubericht Ee 922 (PDF)